Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland

On März 2, 2012 by Vincent

Besserer Schein als Sein

Immer mehr Jugendliche fürchten sich vor größerem Konkurrenzdruck. Die Analyse zeigt: Ihre Furcht ist begründet.

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Laut Statistik hat Deutschland die drittniedrigste Arbeitslosenquote von jungen Menschen in der Europäischen Union. Doch der Schein trügt: viele werden in einem Übergangssystem geparkt, weil sie zu schlecht oder falsch ausgebildet wurden. Gleichzeitig fehlen hochqualifizierte Fachkräfte. Die Bundesrepublik muss daher besser im europäischen Ausland werben, um gut ausgebildete Kräfte von Deutschland zu überzeugen. Die Wirtschaftskrise der anderen EU-Länder ist dabei auch als Chance zu begreifen.

 

Der Schein: Deutschland ist erfolgreich

Es gibt nur drei Länder in der Europäischen Union mit einer Jugendarbeitslosigkeit von unter zehn Prozent. Deutschland ist eines von ihnen. Im Jahr 2011 waren im Durchschnitt 8,5 Prozent der unter 25-jährigen arbeitslos gemeldet, nur Österreich und die Niederlande schnitten besser ab. Warum steht Deutschland so gut dar? Immerhin steckt die EU in einer Wirtschaftskrise und junge Menschen leiden besonders darunter – europaweit ist jeder fünfte junge Arbeitssuchende ohne Job [1].

Es gibt zwei Gründe für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Zum einen ist Deutschlands Wirtschaft seit dem Krisenjahr 2009 robust gewachsen. 2010 stieg das Buttoinlandsprodukt um 3,7 und im vergangenen Jahr um 3,0 Prozent. Das Wachstum schafft Arbeitsplätze und in den vergangenen zwei Jahren profitierten die unter 25-jährigen besonders. Zum ersten Mal seit 2004 sank die Differenz zwischen der Arbeitslosigkeit insgesamt und derjenigen von Personen unter 25 Jahren auf unter drei Prozent.

Das Sein: Viele Jugendliche werden nur geparkt

Zum anderen werden die tatsächlichen Zahlen verschleiert. Die Bundesrepublik parkt viele Jugendliche in einem Übergangssystem, bestehend aus Berufsschulklassen, Weiterbildungsmaßnahmen und Fortbildungen. Diese werden dann nicht als arbeitslos gezählt. 320.000 Menschen waren Teil dieses Systems im März 2011 – bei knapp 300.000 Arbeitslosen unter 25-Jahren zur selben Zeit [2]. Das zeigt, dass die positiven Zahlen der letzten Jahre nicht die ganze Wahrheit offenbaren. In Wirklichkeit sind sehr viel mehr als die 8,5 Prozent der jungen Menschen von Arbeitslosigkeit bedroht.

Denn das Übergangssystem garantiert eben keinen Übergang in die richtige Berufswelt. „Die Chancen, danach in eine einigermaßen stabile Erwerbstätigkeit zu kommen, sind sehr, sehr gering“, meint Walter R. Heinz, Professor an der Bremer Universität [3]. Das System sei zu verschult und zu weit weg von der Berufspraxis, analysiert Dr. Stefan Sell, Professor für Sozialpolitik an der FH Koblenz. Das Übergangssystem erweist sich für viele als Sackgasse: „Knapp 40 Prozent, also 150.000 Jugendliche, verlassen das System, ohne eine Berufsausbildung beginnen zu können“, stellte die Konrad-Adenauer-Stiftung im November 2011 fest [4].

Die Fehler im Übergangssystem und schlechte Schulbildung führen dazu, dass 17 Prozent der 20- bis 30-Jährigen über keinen beruflichen Bildungsabschluss verfügen. Von einer rosigen Zeit für junge Menschen kann also auch in Deutschland keine Rede sein.

Fachkräfte dringend gesucht

Das Paradoxe dabei: es gibt viele unbesetzte Stellen in Deutschland. Fachkräfte werden dringend gesucht. Im Januar konnten 80.000 Ingenieursstellen nicht besetzt werden, meldete der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) (Die Höhe der Zahl wird von anderer Seite bezweifelt [5] ). Dessen Direktor Willi Fuchs geht davon aus, dass zukünftig noch mehr Fachkräfte gebraucht werden: „In den kommenden 15 Jahren verschwindet die Hälfte der Ingenieure vom Arbeitsmarkt“, sagte er dem „Karriere Spiegel“ [6].

Doch auch in anderen Bereichen fehlen neue Kräfte. Laut einer Studie der Universitäten Bamberg und Frankfurt wird ein Drittel der freien Stellen der „Top-1000-Unternehmen“ 2012 nur schwer zu besetzen sein. Vor allem fehle es an potentiellem Personal in der Forschung und Entwicklung, sowie im IT-Bereich, bemängelten die Befragten der Studie [7].

Die Prognose zeigt, dass zukünftig noch mehr junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Denn bis 2030 verliert Deutschland ungefähr acht Millionen Menschen im erwerbstätigen Alter (20-65 Jahre) [8]. Die „Konsensgruppe Fachkräftebedarf und Zuwanderung“ bezeichnet die demografische Entwicklung daher als „reale Gefahr“ für die deutsche Wirtschaft [9]

Die Crux dabei ist, dass nur Personen mit guter Ausbildung von der wirtschaftlichen Situation profitieren können. Menschen ohne Berufsabschluss dagegen, sind die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden dreimal so wahrscheinlich arbeitslos wie Akademiker, bleiben knapp 100 Tage länger arbeitslos als Akademiker (264 zu 177) und haben seit 1990 Reallohnverluste hinnehmen müssen [10]. „An der Zunahme des gesellschaftlichen Wohlstands in den vergangenen 25 Jahren nahmen die Geringqualifizierten daher nicht teil“, schlussfolgert das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit [11].

Im Allgemeinen verlangen Arbeitnehmer heute bessere Qualifikationen und mehr Flexibilität von Berufseinsteigern. „Vor allem gering(er) qualifizierte junge Erwachsene sind die eigentlichen Verlierer zunehmender Arbeitsmarktrisiken“, fasst Professor Dr. Blossenfeld die Situation zusammen [12].

Fazit: Chance für gut ausgebildete Europäer

Aus europäischer Perspektive bedeutet das: Deutschland muss mehr Hochqualifizierte aus den Mitgliedsstaaten der EU anwerben. Zumindest zu einem gewissen Grad können diese die Angebotslücke auf dem Arbeitsmarkt verkleinern. Die „Konsensgruppe Fachkräftebedarf und Zuwanderung“ fordert daher im „europäischen Ausland Informations- und Werbekampagnen für Deutschland in intensivierter Form durchzuführen“ [13]. Doch auch außerhalb der EU hat Deutschland Nachholbedarf. Von 2007 bis 2009 seien gerade einmal 363 Hochqualifizierte eingewandert, während es in Großbritannien 50-Mal so viele gewesen seien, so Bernhad Lorentz von der Mercator-Stiftung [14].

Es scheint, dass Deutschland in diesem Sinne sogar von der europäischen Wirtschaftskrise profitieren könnte. In Spanien, wo jeder zweite unter 25 Jahren arbeitslos ist, steigen die Anmeldungen für Deutsch-Kurse. Das Goethe-Institut in San Sebastián verzeichnet beispielsweise 25 Prozent mehr Einschreibungen seit Dezember 2010 [15]. Und auch die Informationsanfragen bei der „Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit“ sind seit 2011 angestiegen. Die Vermittlungsagentur hat daher seit Januar 2012 ihr Angebot ausgebaut und unterstützt Arbeitgeber bei der Personalsuche im Ausland mit Fachteams [16].

Wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeitssuche in Deutschland sei allerdings, die deutsche Sprache gut zu beherrschen. „Ausländer, die kein gutes Deutsch sprechen, werden es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben“, warnt die Agentur in einem Informationsheft für Interessierte [17]. Lediglich in der IT-Branche und in einigen spezialisierten akademischen Feldern habe man mit Englisch vielleicht eine Chance.

Wir Europäer können der europäischen Wirtschaftskrise damit auch etwas Positives abgewinnen. Fehlende Fachkräfte motivieren die Regierungen, Einwanderungshürden abzubauen und sich stärker um die europäischen Mitbürger zu bemühen. Das wiederum führt zu einer höheren Mobilität der Arbeitnehmer, das zu einer besseren Nutzung des gemeinsamen Marktes und dies zu einer Abmilderung der Krise. Und ganz nebenbei wird für viele Europa damit zur neuen Heimat.

Der Artikel ist auch in English verfügbar.

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